Illa und Fritzgen - Impfen hätte bestimmt geholfen
Immer, wenn ich bei Großmutter in die gute Stube kam, musste ich nach Illa und Fritzchen schauen. Die beiden saßen oben auf dem
großen Schrank und blickten auf mich herab. Zwei Kinder von sechs
und acht Jahren, zusammen dargestellt als eine Büste aus braunem
Steingut. Ein bisschen gruselig war das schon, denn beide waren
als Kinder gestorben – der Junge an Scharlach und das Mädchen an
Schwindsucht (Tuberkulose). Die trauernden Eltern hatten sie
weiterhin bei sich haben wollen und deshalb eine Büste ihrer
Kinder anfertigen lassen.
So saßen sie all die Jahre oben auf dem Schrank und blickten auf die Menschen herab, als wären sie noch lebendig. Sie gehörten sozusagen immer noch zur Familie.
Wie das manchmal so kommt: Ich habe die beiden geerbt. Aber was sollte ich nun mit den „Kindern“ anfangen? In meiner Wohnung wollte ich sie nicht haben und hatte auch keinen Platz dafür. Also brachte ich die Büste in den Garten und stellte sie hinter einen großen Rhododendronbusch. Dort saßen die Kinder nun und blickten sich um. In Schnee und Eis, Regen und Sonnenschein, Jahr für Jahr. Die Farbe blätterte etwas ab, Erde setzte sich fest, manchmal setzte sich ein Vogel auf ihren Kopf und hinterließ seine Spuren – eigentlich hätten sie mir leid tun sollen …
Eines Tages hatten wir Besuch von Freunden. Nach dem Kaffee spazierten wir durch den Garten und unterhielten uns. Plötzlich sagte die Freundin: „Was steht denn da hinter dem Busch?“ Ich antwortete: „Das ist nur eine alte Büste, die habe ich einmal geerbt.“ „Lass mal sehen, wie sie aussieht.“ Sie zog das Stück aus dem Gebüsch, kratzte etwas Schmutz ab und rief: „Die mag ich. Brauchst du sie noch? Kann ich die beiden mitnehmen? Sie schauen so nett!“ Ich sagte: „Klar, kannst du haben.“
Später habe ich erfahren, wie die Geschichte weiterging. Die Freunde hatten auf dem Rückweg ihre Eltern besucht und die Büste dort vergessen. Die Eltern wiederum verliebten sich in die Kinder, ließen die Büste restaurieren und ließen sogar eine eigene Büste von sich selbst anfertigen.
Nun haben Illa und Fritzchen neue Eltern und Großeltern, die sie sehr liebhaben. Das freut mich dann auch.
Nachtrag:
Illa und Fritzchen waren die Kinder von Ilse R., der Urgroßmutter meiner Frau. Ich muss manchmal daran denken, dass sie damals vielleicht weitergelebt hätten, wenn man sie hätte impfen können.
Deshalb bin ich sehr verwundert über die Menschen von heute, die sich und ihre Kinder nicht impfen lassen wollen, weil eine Impfung möglicherweise Schaden anrichten könnte. Wenn von 100.000 geimpften Menschen einer einen Schaden erleidet, ist das für diesen einen natürlich tragisch. Eine Zahl, die ich gelesen habe, besagt, dass bei 162 Millionen Impfungen etwa 1.600 Menschen meinten, einen Impfschaden erlitten zu haben. Das sollte man in Kauf nehmen können.
Menschen, die Angst vor Impfungen haben, kann man helfen. Jeder kann doch verstehen, wie Impfungen funktionieren und dass sie ein Segen für einen selbst und die Menschen in seiner Umgebung sind.
1898 – Illa, Fritzgen un Ilse R.
Copyright: Volkert Braren, Pinneberg 2022 / 2026
Text: Ascan Petersen, übersetzt aus "Illa un Fritzgen / Empen harr holpen"
Bild oben: Brigitte Kuhls
Bild unten: Josephin v. Spiegel